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01.06.2009

Der Himmel ist bedeckt.

Der Tag begann wieder mit einem reichhaltigen Frühstück im Kinderheim. Der Heimleiter gesellte ich zu uns und so konnte ich wieder einige meiner vielen Fragen los werden. Der Heimleiter spricht deutsch, jedoch gibt es bei einigen Formulierungen und Ausdrücken Schwierigkeiten .... und ich spreche ihm immer zu schnell. Trotzdem gehe ich davon aus, dass ich den Inhalt unserer Unterhaltung halbwegs verstanden habe.

Die jüngeren Kinder gehen in Schulen in der Umgebung, einige ältere arbeiten schon, oder versuchen im günstigsten Fall eine Ausbildung zu machen.

Wenige Kinder lernen so gut, dass sie später ein sehr geringes Stipendium bekommen.

Bei 6 Kindern liegen schwere intellektuelle Mängel vor. Sie werden in einer Sondereinrichtung in Vilnius unterrichtet. Ein Kind ist taubstumm und besucht eine gesonderte Schule und ein Kind geht in eine Blindenschule.

Frage von mir: und was ist mit körperlich behinderten Kindern, die zum Beispiel nicht gehen können?

Antwort: Diese gehören zwar formal zum Heim in Trakai, wohnen aber in behindertengerecht eingerichteten Schulen. Das hiesige Heim zahlt für Verpflegung und bei Besuchen (alle 2 Wochen) bekommen sie von hier aus Kleidung, wenn es einen Bedarf gibt.

Das Taschengeld beträgt umgerechnet 15 € im Monat.



Auf die Frage von mir, wie es mit Delikten der Kinder und dem Kontakt zur Polizei aussieht:

Die Polizei ist ständiger Gast in der Einrichtung. Ein großes Problem ist der Alkohol. Gerade in der letzten Woche habe ein Kind sehr viel Glück gehabt. Trotz eines Alkoholspiegels von 4,07 Promille konnte es in einem Spezialkrankenhaus in Vilnius gerettet werden. Das Taschengeld wird bei den größeren Kindern oft gleich wieder in Zigaretten und Alkohol umgesetzt.

Frage: Was machen die "Kinder", wenn sie so alt sind, dass sie die Einrichtung verlassen müssen?

Die Mädchen gründen alle sehr früh eine Familie. Gerade in der letzten Zeit sind 3 Mädchen Mütter geworden (16,17,18 Jahre). In den jungen Familien werden die Betroffenen mit ihren Aufgaben nicht fertig und der Alkohol spielt immer weiter eine entscheidende Rolle.

Die Antwort auf meine Frage, ob die jungen schwangeren Frauen während ihrer Schwangerschaft auf Alkohol verzichten, habe ich nicht zu 100% verstanden, aber ich vermute mal, dass das Problemfeld FAS hier praktisch gar nicht bekannt ist.

Die Mädchen bleiben in den alten Cliquen und dort wird in Unmengen Alkohol zu sich genommen (Bier, Wein, harte Alkoholika). Ich kann nur vermuten, dass auf Schwangerschaft und Stillzeit überhaupt keine Rücksicht genommen wird.

Alle Kinder stammen aus nicht intakten Familien und niemand hat ihnen ein "Familienleben" im positiven Sinn vorgelebt.

Die Kinder des Heimes sind im Ort unbeliebt. Es gibt immer wieder Konflikte mit Kindern aus der Sadt Trakai selber. Ob dies ein Grund ist, das Heim so weit außerhalb der Stadt zu errichten? Ich möchte diesen Punkt des aus meiner Sicht ungünstigen Bauplatzes auf jeden Fall bei dem Gespräch im Rathaus anbringen.

 

Um 10 Uhr beim offiziellen Empfang im Rathaus erfahre ich mehr. Da die Bürgermeisterin selber in einer Partnerstadt in der Türkei weilt, werden wir von ihrer Stellvertreterin empfangen. Die Dezernentin für den Bereich "Soziales" ist ebenfalls anwesend und natürlich Sigmundis, der das Rad für meine Tochter besorgt hat und mit uns in den nächsten Tagen einige kleine Radtouren unternehmen wird. Engelbert stellt unsere beiden Radtouren vor und kann das erfreuliche Ergebnis verkünden: 4.000 Euro für das Kinderheim.

Ich erzähle ein wenig darüber, wie Engelbert und ich uns kennengelernt haben und etwas über meine Freizeitgestaltung in Herford.

Bei der Sozialdezernentin kann ich schon mal einige Fragen loswerden:

Warum wird das neue Kinderheim so weit außerhalb der Stadt geplant?

Ihre Antwort ist, dass das neue Kinderheim 2 km vom Stadtzentrum entfernt gebaut wird. In der Stadt selber darf nicht mehr gebaut werden, da alle anderen sozialen Einrichtungen sich in der Stadt befinden. Die Stadt selber erweitert sich durch Neubauten genau in Richtung des Bauplatzes für das Kinderheim, so dass dieses Heim in einigen Jahren mitten in einem Wohngebiet liegen wird.

Es sollen familienunterstützende Dienste eingerichtet werden, damit vielleicht zukünftig einigen Kindern der Weg in das Heim erspart bleibt.

Ich erkundige mich nach den anderen sozialen Einrichtungen. Hier gibt es noch ein kleines Kinderheim für Kinder, die noch nicht schulpflichtig sind. Darüber hinaus gibt es ein Behindertenwohnheim, eine Behindertenwerkstatt und das Seniorenwohnheim, welches (auch mit Hilfe aus Borne und Rheine) vor 3 Wochen eingeweiht werden konnte..

Es wird abgesprochen, dass ich jeden Tag eine dieser Einrichtungen besuchen und Fragen stellen kann.

Als erste Hilfe vor Ort wird mir angeboten, gleich mit dem Leiter des Kinderheimes meine Tochter vom Flughafen abzuholen. Das erspart ihr eine Busfahrt in einem unbekannten Land mit eigenem Gepäck und zusätzlich einen Rucksack voller Gepäck ihres Erzeugers.

Als Gastgeschenk bekommen Engelbert und ich jeweils ein Buch geschenkt.

 

Ich werde das Tagebuch noch eine Woche lang bis zu meiner Rückkehr weiterführen.

Schwerpunkte werde Landschaftsfotos, Fotos aus Vilnius und Berichte über die sozialen Einrichtungen der Stadt sein.

 

Natürlich liegt die Schwerpunkttätigkeit des Vereins "Rad und Tat e.V" in Ostwestfalen, aber der Vereinszweck läßt es auch zu. mildtätige Aufgaben im Ausland zu wahrzunehmen..

Zum einen könnte das eine materielle oder finanzielle Hilfe jeweils zweckgebunden für Kinderheim oder die Behinderteneinrichtungen sein.

@Peter, was meinst Du? Ich könnte mir auch vorstellen, etwas in FAS-Aufklärungsarbeit zu stecken. Lass uns zu Hause mal darüber beraten, ob das Sinn macht. Auf einem Unterkonto des Vereins liegt ja ggf. Noch etwas Geld zweckgebunden für Aufklärungsarbeit – Aber da bist Du derjenige, der am besten weiss, wo Du das Geld anlegen möchtest.

15:30 Uhr
Ich habe soeben meine Tochter vom Flughafen abgeholt. Sie kommt gerade unter der Dusche weg (Hinflug begann um 4:00 Uhr) und jetzt geht es in die City. Das Wetter ist mittlerweile heiter und es ist 22 Grad warm.



Vor dem Rathaus in Trakai





Meine Lieblingstochter ist auch angekommen!

Kurz nach dieser Aufnahme fing es kräftig an zu regnen. Ich hoffe, dass ich mit Vanessa noch einige Sonnentage in Litauen verbringen kann.

 
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